Wir leben in einer ungerechten Welt…

Ich erlebe es in letzter Zeit immer häufiger, vor allem in Gruppensituationen mit komplexer Dynamik, das Versuche Regeln zu etablieren scheitern, wenn sie sich an dem Prinzip Gerechtigkeit orientieren. Gerechtigkeit ist unempfindlich für die Eigenart des Menschen perspektivisch zu fühlen und zu handeln. Die Forderung, alle gleich zu behandeln, um niemanden zu benachteiligen, berührt nicht die unterschiedlichen Bedürfnislagen der Menschen, die gerecht behandelt werden sollen, und kann deshalb in vielen Kontexten nicht greifen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang Abraham Maslows Konzept der Bedürfnispyramide. Dieses besagt unter anderem, das Menschen sich aus einer Hierarchie von Bedürfnissen heraus organisieren, und das ein elementarer Bestandteil des Bedürfnisspektrums soziale Bedürfnisse sind; Bedürfnisse nach Beachtung, Verbundenheit, Freundschaft, Anerkennung und Liebe. Es entspricht grundlegend dem Wesen des Menschen unablässig zu versuchen, diesen sozialen Bedürfnissen nachzukommen. Menschen fühlen und handeln perspektivisch. Die sozialen Bedürfnisse des Individuums können nicht über abstrakte Menschen befriedigt werden, sondern nur über konkrete Menschen, verfügbare und berürbare Menschen, räumlich nahe Menschen, Kommunikations- und Beziehungsoffene Menschen. Unperspektivisch und unselektiv sozial zu sein würde bedeuten unsozial zu sein. Um die Beachtung, Anerkennung und Liebe zu bekommen, die man braucht macht es wenig Sinn, allen Menschen gleich nahe sein zu wollen, mit allen Menschen gleich viel zu sprechen und mit allen Menschen gleich intensive Beziehungen haben zu wollen. Sozial zu sein bedeutet im Kern seine Aufmerksamkeit und sein Vertrauen sehr selektiv einigen wenigen Menschen zu schenken und seine knappen zeitlich-, energetischen Ressourcen bedürfnisorientiert zu investieren. Jedes Individuum steht vor der Herausforderung, sich in die umgebende Gemeinschaft auf eine Weise zu integrieren, dass die eigenen, sozialen Bedürfnisse ausreichend und nachhaltig befriedigt werden. Und das führt zwangsläufig zu perspektivischem Handeln, Denken und Fühlen. An Gerechtigkeit orientierte Regelsysteme vernachlässigen oft diesen Aspekt der Menschlichkeit, sozial leben zu müssen, um sich wohl fühlen zu können. Sie eignen sich hervorragend um soziale Konflikte zu vermeiden, nur vermeiden sie gleichzeit auch viel konstruktive soziale Reibung die Menschen nun einmal brauchen, weil sie nicht zum füreinander funktionieren, sondern zum miteinaner leben gemacht sind.
Ich glaube, das Organsationsprinzip Gerechtigkeit wird erst dann vollends konstruktiv wirksam, wenn es einer Bedürfnisorientierung unterstellt wird. Daraus kann man die Forderung ableiten, dass sich Gruppen von Menschen soweit im Rahmen von Selbstbestimmung organisieren sollten, soweit ihnen das möglich ist und erst auf den so entstehenden Ordnungsmuster aufbauend, sollten allgemeinverbindliche, einklag- und durchsetzbare Regeln und Gesetze, etabliert werden. In der Politik gibt es ein analoges Organisationsprinzip: die Subsidiarität. Eigentlich müsste das Erziehungswesen einer komplexen Gesellschaft wie der deutschen schon seit langer Zeit, der Förderung der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung des Individuums höchste Priorität verleihen, anstatt sich dabei zuzusehen, immer und immer wieder die selben Fehler zu machen.
Zu welchem Maß von Selbstbestimmung eine Gruppe fähig ist, liegt zum hohen Maße daran, inwieweit sie diesbezüglich in der Vergangenheit gefördert und gefordert wurde. Und da soziale Gruppen hochdynamische Gebilde sind, oft im Gegensatz zu Regel- und Gesetzeswerken, erleben Menschen Regeln häufig als der Situation nicht angepasst, wenn deren Wirkung an der Bedürfnislage der Menschen die beregelt werden vorbei geht.
In Regelungsfragen sollte die Entscheidungskompetenz so nah wie möglich an die Bedürfnislage der betroffenen Menschen angelegt werden. Bei unlösbaren Interessenskonflikten zwischen Gruppen haben alle Gruppenteilnehmer das gleiche Interesse, nämlich strittige Eintscheidungen einer überliegenden, vertrauenswürdigen Instanz anzuvertrauen. Doch hier entsteht ein Paradox, das kriegerische Auseinandersetzungen zwischen sozialen Gruppen zu einer natürlichen und in vielen Fällen unvermeidlichen Begleiterscheinung von Gesellschaftsentfaltung werden lässt. Das konstituieren von gruppenüberspannenden, vertrauenswürdigen und entscheidungsfähigen Institutionen braucht Zeit – oftmals mehr Zeit als in Konflikt stehenden Gruppen zur Klärung ihrer Differenzen zu Verfügung steht. Also löst man das Problem oft schneller, indem man einfach die verfügbaren Machtmittel aufeinander anwendet und darauf spekuliert, so in die dominierende Position zu gelangen.
Doch ich möchte hier nicht ausbreiten, warum man sich nicht ausschließlich an Gerechtigkeit orientieren sollte. In dem Miteinbeziehen der perspektivischen Bedürfnislage von Gruppenmitgliedern liegt eine für mich spannende Chance Gemeinschaftsorganisation ganz grundlegend zu verbessern. Unsere Wohlstand durch Leistungsgesellschaft hat nämlich ein offensichtliches Defizit. Wir leiden unnötig an kollektiver Einsamkeit und Stress.
Wenn man beobachtet, welche Menschen sozial und emotional lebendig leben, Menschen denen es scheinbar besonders gut geht, dann kann man feststellen, dass diese Menschen es nachhaltig schaffen weitgehend ihr gesamtes Bedürfnisspektrum befriedigt zu halten und einen an selbstgewählten Herausforderungen orientierten, offensiven Lebensstil leben. Statt Mängel auszugleichen, werden Wachstumsfelder erschlossen. Statt Bedrohungen auszuweichen, wird Anreizen nachgegangen. Nicht Angst, sondern Neugier und Spieltrieb sind die bestimmenden Antriebe. Diese Menschen befinden sich in einer gelungenen Bedürfnisbalance. Damit möchte ich auf einen sehr wichtigen “Standardbetriebsmodus” verweisen, in dem sich Menschen idealerweise befinden. Genaugenommen sind Menschen von ihrer Biologie für exakt diese Betriebsart ausgelegt. Nur so können Sie sich mit ihrem gesamten Potential entfalten und auf Dauer zu dem werden, was ihre Anlagen möglich machen. Es scheint mir zwingend notwendig, an jede gesellschaftliche Selbstverwaltung die allgemeine und unbeugbare Forderung zu stellen, das alle Menschen in dem selbstbestimmten herstellen ihrer Bedürfnisbalance mit Nachdruck zu unterstützen sind und das primär über wechselseitige Unterstützung im täglichen Miteinander. Die Verwalter von Gesellschaft haben sich zu aller erst um die Rahmenbedingungen zu kümmern, damit dies Möglich wird. Aus allem anderen haben sie sich heraus zu halten. Es ist sehr wichtig wirksame Orientierungspunkte zu wählen, um ans Ziel zu kommen. Das gilt für eine Wanderung und auf ähnliche Weise auch für Gesellschaftsvollzug. Das Konzept der Bedürfnisbalance ist meiner Ansicht nach ein idealer Ausgangspunkt für die Selbstorganisation von Gemeinschaft im kleinen, wie im großen. Der aktuell wirksamste Orientierungspunkt der Weltgesellschaft ist das Währungsmanagement der grossen Zentralbanken. Konkurrierende Währungen kämpfen um globales Vertrauen. Das muss sich ändern, vor allem weil es änderbar ist und so viele davon profitieren würden.
Bedürfnisbalancierte Menschen haben eine Neigung, Menschen die ihnen Nahe stehen zu unterstützen, so das diese es leichter haben, ihrer eigenen Bedürfnisbalance nachzugehen. Dieser Unterstützungswille ist im Individuum in Form von sozialen Bedürfnissen wie Beachtung, Anerkennung und Liebe angelegt. Menschen helfen eben gerne Menschen, weil sie als soziale Wesen nicht anders können. Es verlangt in Ihnen nach sozialer Eingebundenheit, wie es Ihnen nach Wasser und Luft verlangt. Nicht in der selben Intensität, doch aber in absolut der selben Qualität. Alles das sind Grundbedürfnisse, biologische Spielregeln, innerhalb derer wir unser kulturelles Leben leben.
Und jetzt frage ich mich: Was wenn wir in einer Kultur der Bedürfnisorientierung und Selbstbestimmung leben würden? Was wenn wir schon von klein auf unter Menschen aufwachsen würden, die ein Vorbild von emotionaler Ausgeglichenheit und intensiver, diverser Gemeinschaft leben würden? Was wären wir dann für Menschen? Wie würden wir dann leben, und leben wollen? Wie wären unsere Ansprüche an uns, unsere Mitmenschen und das Leben als ganzes? Ich bin überzeugt, dass Gemeinschaft sehr viel Angenehmer seien kann, als was wir heutzutage zu spüren bekommen und das es eine Frage des Willens und des Willens nach Selbstbestimmung und nicht der Machbarkeit ist, diese Lebensbedingungen für sich und andere herzustellen.
Und wenn ich kurz inne halte, stelle ich fest, das ich in diesem Moment genau das tue. Ich bin teil einer Gemeinschaft die eine große Vielfalt von Angeboten zu Begegnungsräumen kultiviert. Wir investieren gemeinsam kraftvoll in Projekte wie We-Space, die Rahmenbedingungen für Gemeinschaft setzen, die dichtes Miteinander in hoher Selbstbestimmung ermöglichen und gleichzeitig stabil und offen genug sind, um diese Errungenschaft mit anderen zu teilen. Und ich habe großes Vertrauen, dass die hier gelebte, hohe Wertschätzung gegenüber den eigenen Bedürfnissen und den Bedürfnissen der Gemeinschaft, sich auf eine Weise auszahlen wird, dass das was wir momentan in einer kleinen experimentellen Blase leben, einmal hohe Wellen schlagen könnte und für außen stehende zu einer realen, wählbaren Alternative werden könnte.
Ich lebe und erfahre in den extremen von zwei Welten. In einer kalten Leistungs-, Arbeit- und Konsumgesellschaft und in einer warmen bedürfnisorientierten Selbstbestimmungsgemeinschaft und der Kontrast könnte nicht größer sein. Diese extreme Erfahrung speist und stabilisiert eine für mich Sinn stiftende Überzeugung. An der Vermittlung zwischen diesen beiden Welten und dem Aufbau der überlegenen beider Welten finde ich meine größte Selbstwirksamkeit und dadurch ein unerschöpfliches Entwicklungspotential. Genau das, was ich brauche um meine Bedürfnisballance nachhaltig zu sichern. Und es ist ein wirklich gutes Gefühl, so etwas wertvolles gefunden zu haben.































